Die Schweiz nähert sich dem Einsatz Verwaltungsautomatisierung durch Künstliche Intelligenz mit Vorsicht und Pragmatismus. Während Nachbarländer wie Deutschland und Österreich umfassende KI-Strategien für den öffentlichen Sektor aufsetzen, dominieren auf Schweizer Seite dezentrale Pilotprojekte das Bild. Technologie-Dienstleister wie Abraxas Informatik und Swisscom Public Sector bieten erste spezialisierte Lösungen an, doch ein koordiniertes Vorgehen fehlt bislang.
Dezentrale Erprobung dominiert den Markt
Kantone und Gemeinden gehen unterschiedliche Wege bei der Erprobung von KI-Werkzeugen. Anwendungsfälle reichen von automatisierter Dokumentenklassifizierung über Chatbots zur Bürgerberatung bis hin zu prädiktiven Modellen für die Ressourcenplanung. Abraxas entwickelt nach eigenen Angaben KI-gestützte Komponenten für die Verwaltungsdigitalisierung, die in bestehende Fachanwendungen integriert werden können. Swisscom fokussiert auf sichere Cloud-Umgebungen, in denen Behörden KI-Modelle trainieren und betreiben können, ohne sensible Daten außer Landes zu transferieren.
Im Vergleich zu Deutschland oder Österreich, wo zentrale IT-Dienstleister wie die FITKO oder das BRZ föderale Plattformen koordinieren, bleibt die Schweiz fragmentiert. Jede Behörde definiert eigene Anforderungen, Datenschutzvorgaben und Beschaffungsprozesse. Das fördert lokale Innovation, erschwert jedoch die Skalierung und den Wissenstransfer.
Regulatorische Unsicherheit bleibt bestehen
Die Schweiz ist nicht Mitglied der Europäischen Union und unterliegt damit formal nicht der EU-Verordnung zu Künstlicher Intelligenz (EU AI Act), die ab 2025 schrittweise in Kraft tritt. Dennoch orientieren sich Schweizer Behörden und IT-Dienstleister in der Praxis an dessen Risikoklassifizierung, da Interoperabilität mit EU-Nachbarländern und grenzüberschreitende Dienstleistungen gewährleistet sein müssen. Verbindliche nationale Standards fehlen bislang. Die Arbeitsgruppe für KI-gestützte Verwaltungsprozesse beim Verein eCH hat erste Empfehlungen erarbeitet, doch eine gesetzliche Verankerung steht aus.
Datenschutzrechtliche Anforderungen nach Schweizer Recht verlangen, dass personenbezogene Daten grundsätzlich im Land verbleiben oder in Staaten mit gleichwertigem Schutzniveau verarbeitet werden. Das begünstigt Anbieter souveräner Cloud-Infrastrukturen und schließt viele internationale Hyperscaler faktisch aus – oder zwingt sie zu lokalen Rechenzentren und Betriebsmodellen. Digitale Souveränität ist dabei kein politischer Slogan, sondern rechtliche Realität.
Fachkräftemangel bremst Skalierung
Ein strukturelles Problem bleibt der Fachkräftemangel. Data Scientists, Machine-Learning-Engineers und KI-Architekten sind auf dem Schweizer Arbeitsmarkt rar und teuer. Viele Behörden setzen deshalb auf externe Dienstleister oder auf generische KI-as-a-Service-Plattformen, die keine umfassenden Programmierkenntnisse voraussetzen. Das reduziert die Einstiegshürde, birgt aber Abhängigkeitsrisiken und schränkt die Individualisierung ein.
Parallel dazu investieren Kantone wie Zürich und Bern in Schulungsprogramme für IT-Personal, um interne Kompetenz aufzubauen. Die Ergebnisse werden erst mittelfristig sichtbar. Solange Verwaltungen nicht eigenständig KI-Modelle bewerten, trainieren und betreiben können, bleibt die Kontrolle über Algorithmen und deren Entscheidungslogik eingeschränkt.
Marktausblick: Konsolidierung oder weitere Fragmentierung?
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Schweiz ihre föderale Vielfalt als Innovationsvorteil nutzen oder durch mangelnde Koordination in eine technologische Sackgasse geraten wird. Erste Ansätze für eine Interoperabilität zwischen kantonalen KI-Projekten sind erkennbar, aber nicht institutionalisiert. Der Verein eCH könnte hier als Standardisierungsinstanz eine Rolle spielen, doch seine Empfehlungen sind rechtlich nicht bindend.
Anbieter wie Abraxas und Swisscom bereiten sich darauf vor, dass die Nachfrage nach vorintegrierten, konformen KI-Modulen steigt. Internationale Player wie Microsoft Public Sector und AWS Public Sector beobachten den Markt, müssen aber Souveränitätsanforderungen erfüllen. Ob die Schweiz langfristig auf nationale Champions setzt oder sich für ein hybrides Modell entscheidet, bleibt offen.
Klar ist: Die dezentrale Struktur des Landes erschwert schnelle, flächendeckende Lösungen. Was in einem Kanton funktioniert, muss in einem anderen neu verhandelt, angepasst und beschafft werden. Für KI-Dienstleister bedeutet das: weniger Skaleneffekte, mehr Projektgeschäft, längere Vertriebszyklen. Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet es: unterschiedliche digitale Verwaltungserfahrungen, je nach Wohnort.