Der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Verwaltung gewinnt in der Schweiz an Fahrt. Kantone und Gemeinden starten vorsichtige Pilotprojekte, während Bund und Kantone sich über Governance, Datenschutz und die Frage der digitalen Souveränität austauschen. Anders als in Deutschland oder Österreich fehlt in der Schweiz bislang eine zentrale KI-Strategie für den Public Sector. Stattdessen entwickeln sich dezentrale Ansätze – mit allen Chancen und Risiken für Interoperabilität und einheitliche Standards.
Marktentwicklung: Pilotprojekte statt Großprogramme
Schweizer Behörden setzen KI vor allem in drei Bereichen ein: Dokumentenanalyse, Bürgeranfragen und Prozessautomatisierung. Mehrere Kantone testen Chatbots für die Erstberatung auf Verwaltungsportalen, andere nutzen KI-gestützte Textklassifizierung für die digitale Akte. Die Projekte bleiben meist im Pilotmodus – eine flächendeckende Skalierung ist selten zu beobachten. Gründe dafür sind fehlende Budgets, unklare Rechtslage und die Sorge um Datenschutz nach DSGVO-Äquivalent (revDSG).
Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Bundesverwaltungsamt und Landesrechenzentren eigene KI-Instanzen betreiben, fehlen in der Schweiz zentrale Infrastrukturen. Swisscom Public Sector bietet zwar Cloud-Dienste an, doch für souveräne KI-Modelle gibt es bislang kein Schweizer Äquivalent zu Sovereign Workplace oder OpenDesk. Behörden greifen daher oft auf kommerzielle Angebote wie Microsoft Azure oder OpenAI zurück – ein Ansatz, der in der politischen Debatte zunehmend kritisch gesehen wird.
Anbieter und Lösungen: Internationale Player dominieren
Der Schweizer Markt für KI-Lösungen im Public Sector wird von internationalen Anbietern geprägt. Abraxas Informatik – der führende IT-Dienstleister für Kantone und Gemeinden – integriert KI-Module in bestehende Fachverfahren, setzt dabei aber meist auf Technologien von Microsoft oder anderen US-Hyperscalern. Lokale Alternativen mit Schweizer Rechenzentrums-Standort und Open-Source-Basis sind Mangelware.
Für spezifische Anwendungsfälle wie automatisierte Aktenanalyse oder Dokumentenklassifizierung experimentieren einzelne Kantone mit kleineren Schweizer Tech-Firmen. Diese Projekte scheitern jedoch oft an der fehlenden Skalierbarkeit oder an der Integration in bestehende Systeme. Die Frage der Verwaltungsautomatisierung durch KI bleibt daher eng verknüpft mit der Frage nach IT-Konsolidierung und gemeinsamer Infrastruktur.
Regulatorik: Revisioniertes Datenschutzgesetz und fehlende KI-Verordnung
Das revidierte Schweizer Datenschutzgesetz (revDSG) stellt hohe Anforderungen an den Einsatz von KI: Transparenzpflicht, Datenminimierung und das Recht auf Erklärbarkeit automatisierter Entscheidungen. Anders als die EU-KI-Verordnung kennt das Schweizer Recht jedoch keine spezifische Risikostufung für KI-Systeme. Behörden bewegen sich daher in einer Grauzone: Was ist als „Hochrisiko-KI" zu behandeln? Welche Prüf- und Dokumentationspflichten gelten?
Die fehlende Harmonisierung mit der EU-KI-Verordnung könnte mittelfristig zum Problem werden. Schweizer Behörden, die grenzüberschreitende Dienstleistungen anbieten oder Daten mit EU-Partnern austauschen, müssen de facto EU-Standards erfüllen – ohne dass dies im Schweizer Recht verankert ist. Das Bundesamt für Justiz prüft derzeit, ob und wie die Schweiz auf die EU-Regulierung reagieren soll. Eine Entscheidung steht aus.
Souveränität und Abhängigkeit: Die Schweiz im Dilemma
Die Debatte um digitale Souveränität erreicht auch die Schweiz. Während deutsche Bundesländer eigene KI-Instanzen aufbauen und Österreich mit dem BRZ eine zentrale Infrastruktur betreibt, fehlt in der Schweiz ein vergleichbares Konzept. Die föderale Struktur erschwert gemeinsame Infrastrukturprojekte, und der politische Wille für Investitionen in eine souveräne Cloud ist begrenzt.
Gleichzeitig wächst das Unbehagen gegenüber der Abhängigkeit von US-Anbietern. Datenschutzbeauftragte warnen vor den Risiken von Cloud Act und Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA), die US-Behörden Zugriff auf Daten ermöglichen – auch wenn diese in europäischen Rechenzentren liegen. Der Ruf nach einer „Schweizer KI-Lösung" wird lauter, doch konkrete Schritte bleiben aus.
Ausblick: Föderalismus als Innovationsbremse?
Die Schweizer Verwaltungsdigitalisierung steht vor einem Scheideweg. Entweder gelingt es, gemeinsame KI-Infrastrukturen zu schaffen und Standards zu definieren – oder der föderale Flickenteppich führt zu Insellösungen, die weder interoperabel noch skalierbar sind. Erste Ansätze wie das Programm „Digitale Verwaltung Schweiz" zielen auf Koordination ab, doch die Umsetzung bleibt zögerlich.
Für Entscheider im Public Sector bedeutet das: KI-Projekte müssen nicht nur technisch und rechtlich sauber aufgesetzt werden, sondern auch politisch abgesichert sein. Die Frage nach Souveränität, Datenschutz und Vendor-Lock-in sollte bereits in der Konzeptphase geklärt werden – nicht erst, wenn das System produktiv ist. Wer heute auf kommerzielle KI-Dienste setzt, sollte Exit-Szenarien mitdenken. Wer auf Open Source und lokale Infrastruktur setzt, braucht Budget und politischen Rückhalt für den langen Atem.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Schweiz den Anschluss an Deutschland und Österreich schafft – oder ob der föderale Ansatz zur Innovationsbremse wird. Klar ist: Ohne gemeinsame Infrastruktur und Standards wird KI im Schweizer Public Sector ein Flickenteppich bleiben. Weitere Einblicke zur KI-Entwicklung in der DACH-Region bieten die Artikel KI im deutschen Public Sector und KI im österreichischen Public Sector.