Die Organisation Digitale Verwaltung Schweiz hat öffentlich gemacht, wer im föderalen E-Government-Programm der Schweiz die strategischen und operativen Hebel in der Hand hält. Die Liste der Leistungsverantwortlichen gibt erstmals detaillierten Einblick in die Governance-Struktur hinter dem ambitionierten Digitalisierungsprogramm – und zeigt, wie Bund, Kantone und Gemeinden das Steuer gemeinsam führen.

Föderale Konstruktion: Wer trägt welche Verantwortung?

Das Schweizer E-Government-Modell basiert auf einer ausgeklügelten Arbeitsteilung zwischen den drei staatlichen Ebenen. Die Delegiertenversammlung fungiert als oberstes strategisches Organ. Doch die eigentliche Umsetzung liegt bei den Leistungsverantwortlichen – Organisationen, die jeweils für konkrete Digitalisierungsprojekte federführend sind.

Das System ist zweigeteilt: Auf Bundesebene steuern Ämter wie das Bundesamt für Justiz, das Bundesamt für Kommunikation oder das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten zentrale Vorhaben. Auf kantonaler und kommunaler Ebene übernehmen spezialisierte IT-Dienstleister wie Abraxas Informatik und andere regionale Rechenzentren die operative Umsetzung.

Abraxas, BRZ und Swisscom: Die Schweizer IT-Backbone-Anbieter

Im Unterschied zu Deutschland, wo Dataport oder die AKDB zentrale IT-Dienstleister für die Länder sind, setzt die Schweiz auf eine dezentralere Struktur. Abraxas Informatik betreibt für mehrere Kantone die Backend-Infrastruktur, während Swisscom Public Sector insbesondere Hosting- und Netzwerkdienste bereitstellt.

Die Aufteilung zwischen privatwirtschaftlichen Anbietern und öffentlich-rechtlichen Einrichtungen unterscheidet sich stark vom österreichischen Modell, wo das BRZ Bundesrechenzentrum als staatliche Einheit nahezu alle IT-Dienstleistungen für Bundesbehörden abdeckt. In der Schweiz dominiert ein hybrides Modell aus privaten Dienstleistern und kantonalen Trägerschaften.

Thematische Cluster: Von eID bis Open Government Data

Die Leistungsverantwortlichen sind nach Themenbereichen organisiert. Ein Schwerpunkt liegt auf der digitalen Identität und dem Aufbau einer nationalen eID-Infrastruktur. Nach dem gescheiterten Referendum zur staatlichen E-ID 2021 arbeitet die Schweiz an einem überarbeiteten Konzept, das stärker auf digitale Souveränität und Datenschutz setzt.

Weitere Cluster umfassen die Entwicklung von Bürgerportalen, die Modernisierung der Registerinfrastruktur und die Bereitstellung von Open-Government-Data-Plattformen. Dabei ist Interoperabilität zwischen den Kantonen eine zentrale Herausforderung – ähnlich wie in Deutschland die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Rahmen des OZG 2.0.

Governance-Transparenz: Warum die Veröffentlichung wichtig ist

Die öffentliche Darstellung der Leistungsverantwortlichen dient nicht nur der Transparenz, sondern auch der Accountability. Wer für welche Leistung zuständig ist, lässt sich jetzt direkt nachvollziehen. Das hilft Anbietern, Kommunen und Kantonen bei der Planung eigener Digitalisierungsprojekte – und zeigt potenziellen Technologiepartnern, an welchen Stellen Schnittstellen und Integrationen nötig sind.

Besonders relevant ist dies für Anbieter von Identity-Management-Lösungen und eID-Infrastrukturen. Die Schweiz verfolgt mit dem geplanten E-Government-Gesetz einen ähnlichen Weg wie die EU mit der eIDAS-Verordnung 2.0 – allerdings mit stärkerer Betonung der föderalen Autonomie.

Vergleich mit Deutschland und Österreich: Unterschiedliche Wege zur Digitalisierung

Während Deutschland mit der FITKO eine zentrale Koordinierungsstelle für Bund und Länder geschaffen hat, setzt die Schweiz auf ein stärker dezentralisiertes Modell. Österreich wiederum zentralisiert über das BRZ und dessen Verwaltungsportal weite Teile der Behörden-IT.

Die Schweizer Leistungsverantwortlichen agieren als föderale Koordinatoren, die Projekte anstoßen, finanzieren und begleiten – aber nicht zentral betreiben. Das Modell ähnelt eher der Struktur der deutschen Förderprogramme für Verwaltungsdigitalisierung, bei denen Länder und Kommunen Eigenverantwortung behalten.

Ausblick: eID-Ökosystem als nächster Meilenstein

Die Schweiz plant, bis 2026 ein vollständig funktionsfähiges eID-Ökosystem bereitzustellen. Die Leistungsverantwortlichen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie koordinieren Pilotprojekte, definieren Standards und stellen die technische Kompatibilität sicher. Besonders spannend wird, wie die Schweiz die Balance zwischen staatlicher Kontrolle und privatwirtschaftlicher Innovation hält – ein Thema, das auch in Deutschland und der EU kontrovers diskutiert wird.

Für Technologieanbieter, die in den Schweizer Markt eintreten wollen, ist die Kenntnis der Leistungsverantwortlichen essenziell. Sie sind die entscheidenden Ansprechpartner für Ausschreibungen, Pilotprojekte und Kooperationen. Ihre Veröffentlichung markiert einen Schritt zu mehr Klarheit in einem historisch undurchsichtigen föderalen Gefüge.

Fazit: Föderalismus als Stärke und Herausforderung

Die Schweizer Konstruktion der Leistungsverantwortlichen zeigt, wie föderale Strukturen E-Government-Projekte gleichzeitig beflügeln und bremsen können. Die dezentrale Verantwortung ermöglicht kantonale Flexibilität, erschwert aber die rasche Skalierung überregionaler Lösungen. Die Transparenz der neuen Übersicht ist ein wichtiger Schritt – ob sie auch die Umsetzungsgeschwindigkeit erhöht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Für Entscheider in deutschen und österreichischen Verwaltungen bietet das Schweizer Modell interessante Vergleichspunkte: Wie viel zentrale Steuerung braucht Digitalisierung? Und wo sind dezentrale Lösungen effizienter? Die Antworten werden nicht nur in Bern, sondern in allen drei DACH-Ländern gesucht.