Der Schweizer Markt für digitale Bürgerservices befindet sich Mitte 2026 in einer intensiven Ausbauphase. Treiber sind die schrittweise Umsetzung des E-Government-Gesetzes sowie die Anforderungen an Interoperabilität zwischen Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene. Die Branche verzeichnet deutliche Aktivität bei IT-Dienstleistern, Identitätsanbietern und Plattformbetreibern.

E-Government-Gesetz prägt Marktentwicklung

Das Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben gibt den regulatorischen Rahmen vor. Bund, Kantone und Gemeinden müssen ihre Leistungen schrittweise digital bereitstellen. Die OZG-CH-Initiative koordiniert diese Transformation. Das Gesetz fordert einheitliche Schnittstellen, standardisierte Prozesse und digitale Identifikationsverfahren. Behörden investieren in Bürgerportale und Backend-Systeme, die föderale Strukturen abbilden können.

Abraxas treibt Fachlösungen für Behörden voran

Abraxas Informatik positioniert sich als zentraler Anbieter für Schweizer Verwaltungen. Das Unternehmen baut sein Fachlösungs-Portfolio kontinuierlich aus und adressiert Bereiche wie Steuer-, Einwohner- und Sozialsysteme. Die jüngste KI-Plattform für Behörden soll automatisierte Prozesse in der Antragsprüfung ermöglichen. Abraxas erweitert zudem sein Application-Services-Portfolio und drängt verstärkt ins Beratungsgeschäft. Die Security-Services richten sich an Kantone, die DSGVO-konforme Betriebskonzepte umsetzen müssen.

Digitale Identität und Authentifizierung im Fokus

A-Trust Sicherheitsservice hat die Handy-Signatur App umbenannt und modernisiert die mobile Authentifizierung. Die Lösung ermöglicht rechtsverbindliche Signaturen auf Smartphones und ist mit kantonalen Verwaltungsportalen verknüpft. Die Entwicklung folgt den Vorgaben der revidierten eIDAS-Verordnung, die ab 2026 europaweit einheitliche Standards für digitale Identität vorsieht. Die EU-Großpiloten für digitale Identitätswallets beeinflussen auch den Schweizer Markt, da grenzüberschreitende Szenarien zunehmen.

Swisscom Public Sector setzt auf Cloudbasierte Infrastruktur

Swisscom Public Sector investiert in cloudbasierte Plattformen für Behörden. Die Swisscom-Lösung adressiert Kommunen und kleinere Kantone, die keine eigenen Rechenzentren betreiben wollen. Die Plattform unterstützt den föderalen Datenaustausch und erfüllt die Anforderungen der Schweizerischen Akkreditierungs- und Bezeichnungsverordnung. Die Lösung konkurriert mit Eigenentwicklungen größerer Kantone und mit BRZ Bundesrechenzentrum, das aus Österreich auch Schweizer Behörden als Kunden gewinnen will.

Interoperabilität als zentrale Herausforderung

Die föderale Struktur der Schweiz stellt hohe Anforderungen an die Interoperabilität zwischen Systemen. Kantone setzen auf unterschiedliche Hersteller und Datenmodelle. Das Programm Digitale Verwaltung Schweiz fördert standardisierte Schnittstellen und gemeinsame Datenmodelle. Die Umsetzung verzögert sich jedoch in mehreren Kantonen, da Legacy-Systeme nicht ohne weiteres ersetzt werden können. Integratoren wie msg systems und Sopra Steria Public bieten Middleware-Lösungen an, die heterogene IT-Landschaften verbinden.

Ausblick: Automatisierung und proaktive Leistungen

Der Schweizer Markt bewegt sich in Richtung proaktiver Verwaltung. Erste Kantone testen automatisierte Antragsprüfungen für Standardleistungen wie Wohngeld oder Geburtsurkunden. Die Verwaltungsautomatisierung setzt auf Prozessmodellierung und Schnittstellen zu Registerinformationen. Das Registermodernisierungs-Projekt des Bundes soll bis 2027 die Grundlage für Once-Only-Prinzipien schaffen. Behörden wollen künftig Daten einmal erheben und föderationsübergreifend nutzen. Die technische Infrastruktur dafür ist jedoch erst teilweise vorhanden. IT-Dienstleister rechnen mit steigenden Investitionen in Plattformen, Schnittstellen und Sicherheitslösungen bis 2028.