T-Systems bewirbt sich als strategischer Partner für die Digitalisierung des öffentlichen Personennahverkehrs. Hinter der Positionierung als umfassender Lösungsanbieter stehen mehrere Geschäftsfelder: von Cloud-Infrastrukturen über digitale Fahrgastinformationen bis hin zu Flottenmanagement-Systemen. Die Frage ist, ob die angekündigten Verbesserungen tatsächlich beim Fahrgast ankommen oder ob die Digitalisierung primär Verwaltungsaufwände in den Verkehrsbetrieben abbildet.

Der öffentliche Personennahverkehr steht unter erheblichem Modernisierungsdruck. Veraltete IT-Systeme, fehlende Interoperabilität zwischen verschiedenen Verkehrsträgern und mangelhafte Echtzeitdaten prägen vielerorts den Alltag. Gleichzeitig steigen die Erwartungen: Fahrgäste verlangen durchgängige Buchungs- und Ticketing-Plattformen, multimodale Routenplanung und verlässliche Anschlussinformationen. Genau hier setzt T-Systems mit seinem Portfolio an – allerdings bislang ohne Publikation konkreter Projektbeispiele oder Referenzkunden.

Welche Digitalisierungs-Bausteine bietet T-Systems an?

Das Produktspektrum umfasst mehrere Ebenen der Verkehrsdigitalisierung. Im Kern geht es um drei Bereiche: Fahrgastinformation, Betriebsführung und digitale Infrastrukturen. Fahrgastinformationssysteme sollen Echtzeitdaten zu Abfahrtszeiten, Verspätungen und Anschlussverbindungen bereitstellen. Betriebsführungs-Lösungen zielen auf Flottenmanagement, Wartungsplanung und Disposition ab. Digitale Infrastrukturen – insbesondere cloudbasierte Plattformen – bündeln Datenströme aus unterschiedlichen Quellen und sollen zentrale Steuerung ermöglichen.

Das Problem: Die Website von T-Systems liefert keine konkreten Fallstudien, keine Zahlen zu realisierten Projekten und keine Namen von Verkehrsbetrieben, die bereits auf diese Lösungen setzen. Stattdessen stehen allgemeine Leistungsbeschreibungen im Vordergrund. Für Entscheidungsträger in ÖPNV-Unternehmen bleibt unklar, welche Lösung in welcher Betriebsgrösse tatsächlich funktioniert und welche Investitionen erforderlich sind.

Wer finanziert die Digitalisierung im ÖPNV?

Verkehrsbetriebe in der Schweiz finanzieren Digitalisierungsprojekte aus einer Mischung von Eigenmitteln, kantonalen Zuschüssen und Bundesmitteln. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) fördert digitale Infrastrukturen im Rahmen von Verkehrsinfrastruktur-Programmen, allerdings sind Fördermittel an konkrete Anforderungen geknüpft: Verbesserung der Pünktlichkeit, Erhöhung der Kapazität oder Reduktion des Energieverbrauchs. Reine IT-Modernisierungen ohne nachweisbaren Nutzen für den Betrieb oder die Fahrgäste erhalten selten Zuschüsse.

Für grössere Verkehrsverbünde sind die Investitionskosten erheblich. Die Einführung eines integrierten Fahrgastinformations- und Ticketing-Systems kann je nach Grösse des Netzes mehrere Millionen Franken kosten. Wartungs- und Lizenzkosten schlagen zusätzlich zu Buche. Kleinere Verkehrsbetriebe stehen vor der Entscheidung, entweder eigene Systeme zu betreiben oder sich regionalen Plattformen anzuschliessen – wobei letzteres Abhängigkeiten schafft, aber Kosten senkt.

In Deutschland unterstützt das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) ÖPNV-Digitalisierung über Förderprogramme wie „Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme". In der Schweiz gibt es vergleichbare Programme auf Kantonsebene, allerdings mit unterschiedlicher Priorität. Zürich und Bern investieren stärker in digitale Mobilitätsdienste als kleinere Kantone.

Kommt die Digitalisierung beim Fahrgast an?

Der entscheidende Massstab ist die Nutzererfahrung. Digitalisierung im ÖPNV sollte vor allem drei Dinge leisten: Verlässliche Echtzeitinformationen, einfache Buchungs- und Bezahlprozesse sowie nahtlose Übergänge zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln. In der Praxis zeigt sich ein gemischtes Bild.

Echtzeitinformationen funktionieren in urbanen Ballungsräumen oft gut, scheitern aber an Schnittstellen zwischen verschiedenen Betreibern. Wer beispielsweise von einem regionalen Busnetz auf die S-Bahn wechselt, erhält nicht immer verlässliche Anschlussinformationen. Das liegt weniger an technischen Grenzen als an fehlenden Datenstandards und mangelnder Interoperabilität zwischen den Systemen unterschiedlicher Anbieter.

Beim Ticketing sind Fortschritte sichtbar: Mobile Apps ersetzen zunehmend Papierfahrscheine, Check-in-/Check-out-Systeme vereinfachen die Tarifberechnung. Allerdings funktionieren diese Systeme oft nur innerhalb eines Verkehrsverbundes. Grenzüberschreitende oder verbundübergreifende Reisen bleiben kompliziert. Hier wäre eine konsequente Standardisierung nötig – doch genau diese ist politisch und wirtschaftlich umstritten, weil sie etablierte Anbieter unter Druck setzt.

Multimodale Routenplanung – die Verknüpfung von öffentlichem Verkehr mit Sharing-Diensten, Taxi und Fussverkehr – existiert in Pilotprojekten, ist aber selten flächendeckend verfügbar. Auch hier fehlt oft die Datenintegration. Verkehrsbetriebe geben ihre Echtzeit-Fahrplandaten nicht immer an Drittanbieter weiter, was übergreifende Mobilitätsplattformen erschwert.

Welche Rolle spielt digitale Souveränität im Verkehrssektor?

Ein zunehmend wichtiges Thema ist digitale Souveränität. Öffentliche Verkehrsbetriebe verarbeiten grosse Mengen personenbezogener Daten: Bewegungsprofile, Zahlungsinformationen, Nutzungsverhalten. Die Frage, wo diese Daten gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat, gewinnt an Bedeutung.

T-Systems bewirbt eigene Cloud-Infrastrukturen, die im Gegensatz zu globalen Hyperscalern auf europäischen oder nationalen Rechenzentren basieren. Für Schweizer Verkehrsbetriebe kann das ein Argument sein, zumal Datenschutzanforderungen durch das Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG) und kantonale Vorgaben streng sind. Allerdings ist unklar, ob die angebotenen Lösungen tatsächlich auf Schweizer Rechenzentren laufen oder ob Daten über europäische Standorte geroutet werden.

Die Diskussion um digitale Souveränität betrifft auch die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Wer seine gesamte Verkehrssteuerung auf die Plattform eines einzigen IT-Dienstleisters verlagert, schafft Lock-in-Effekte. Migrations- und Ausstiegskosten können prohibitiv hoch werden. Deshalb setzen einige Verkehrsbetriebe bewusst auf Open-Source-Lösungen oder fordern vertraglich garantierte Datenportabilität.

Was kostet der digitale ÖPNV wirklich?

Die Kostenfrage bleibt oft im Verborgenen. IT-Dienstleister veröffentlichen selten Preislisten, stattdessen werden individuelle Angebote erstellt. Das erschwert Vergleiche und begünstigt Intransparenz. Erfahrungswerte aus anderen Projekten zeigen: Die Erstinvestition für eine cloudbasierte Verkehrsmanagement-Plattform liegt im mittleren sechsstelligen bis einstelligen Millionenbereich, je nach Netzgrösse und Funktionsumfang.

Hinzu kommen laufende Kosten für Lizenzen, Support, Updates und Datenhaltung. Diese können jährlich 10 bis 20 Prozent der Erstinvestition ausmachen. Für kleinere Verkehrsbetriebe ist das kaum stemmbar, weshalb oft regionale Kooperationen oder zentrale Landeslösungen angestrebt werden.

Ein weiterer Kostenfaktor: Schulung und Change Management. Neue Systeme erfordern Einarbeitung, Prozessanpassungen und teilweise Personalaufstockung. Diese „weichen" Kosten werden häufig unterschätzt, machen aber den Unterschied zwischen erfolgreicher Einführung und gescheiterten Projekten.

Welche alternativen Anbieter gibt es?

T-Systems ist nicht der einzige Player im ÖPNV-Digitalisierungsmarkt. In der Schweiz ist Swisscom Public Sector ein etablierter Anbieter für Telematik- und Cloud-Lösungen im Verkehrsbereich. International konkurrieren Unternehmen wie Siemens Mobility, Thales, Alstom und spezialisierte IT-Dienstleister um Aufträge.

Auch Capgemini Public Sector und Atos Public Sector haben eigene ÖPNV-Portfolios. Der Wettbewerb ist intensiv, was grundsätzlich positiv für die Preisgestaltung sein sollte – allerdings nur, wenn Ausschreibungen transparent erfolgen und nicht durch proprietäre Standards verzerrt werden.

Ein interessanter Ansatz sind offene Datenplattformen, die von mehreren Verkehrsbetrieben gemeinsam betrieben werden. Solche Modelle erhöhen die Verhandlungsmacht gegenüber Anbietern und erleichtern die Interoperabilität. Die Schweiz hat mit dem Verband öffentlicher Verkehr (VöV) eine Koordinationsinstanz, die solche Ansätze fördern könnte – bislang aber vor allem auf Tarifkoordination fokussiert ist.

Was müsste passieren, damit Digitalisierung im ÖPNV wirklich funktioniert?

Drei Massnahmen wären zentral. Erstens: Verbindliche Datenstandards und offene Schnittstellen. Nur wenn alle Verkehrsbetriebe ihre Echtzeit-Fahrplandaten in einem einheitlichen Format bereitstellen, können übergreifende Plattformen funktionieren. Das erfordert politischen Druck und klare regulatorische Vorgaben.

Zweitens: Transparente Finanzierung und Kostenmodelle. Verkehrsbetriebe brauchen verlässliche Informationen über Total Cost of Ownership, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Das schliesst auch unabhängige Evaluierungen von Anbieterlösungen ein.

Drittens: Konsequente Nutzerorientierung. Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Jede Investition sollte an messbaren Verbesserungen für Fahrgäste geknüpft sein: kürzere Reisezeiten, weniger Anschluss-Verpassungen, einfacheres Ticketing. Ohne diese Erfolgskontrolle verpufft öffentliches Geld in IT-Projekten, die vor allem Berater und Anbieter beschäftigen.

Die Positionierung von T-Systems im ÖPNV-Markt ist ein Symptom für eine breitere Entwicklung: IT-Dienstleister drängen in öffentliche Infrastrukturen, versprechen Modernisierung und Effizienz. Ob diese Versprechen eingelöst werden, hängt davon ab, ob Auftraggeber kritisch bleiben, Verträge sorgfältig verhandeln und den Fokus auf tatsächlichen Nutzen statt auf technologischen Glanz legen.

Wer mehr über digitale Infrastrukturen im öffentlichen Sektor erfahren möchte, findet vertiefende Informationen im Themenportal Souveräne Cloud für den öffentlichen Sektor. Auch der Artikel T-Systems Schweiz erweitert Portfolio um digitale Schieneninfrastruktur bietet zusätzlichen Kontext zur Strategie des Anbieters im Verkehrssektor.

Quellen