Die Schweiz treibt den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im öffentlichen Sektor voran – allerdings mit einem deutlichen Fokus auf Digitale Souveränität und föderale Abstimmung. Während Nachbarländer zentrale KI-Plattformen aufbauen, setzen Kantone und Bundesbehörden auf dezentrale Pilotprojekte mit klar definierten Rahmenbedingungen.
KI-Projekte in Kantonen und Bundesbehörden
Mehrere Kantone testen bereits KI-gestützte Chatbots für Bürgeranfragen. Die Systeme sollen einfache Anfragen zu Öffnungszeiten, Formularen und Verfahrensabläufen automatisiert beantworten. Abraxas Informatik, ein führender IT-Dienstleister für Schweizer Behörden, arbeitet an Lösungen zur Verwaltungsautomatisierung, die auf bestehende Fachverfahren aufsetzen. Der Hersteller bietet unter abraxas.ch spezielle Public-Sector-Module an.
Auf Bundesebene prüft die Bundeskanzlei den Einsatz von KI zur automatisierten Dokumentenanalyse und zur Unterstützung bei Gesetzgebungsverfahren. Dabei geht es vor allem um die Auswertung von Vernehmlassungsantworten und die Strukturierung großer Textmengen. Das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) entwickelt parallel Richtlinien für den verantwortungsvollen KI-Einsatz in der Bundesverwaltung.
Datenschutz und föderale Abstimmung als Bremse
Die schweizerische Datenschutzgesetzgebung und die föderale Struktur setzen KI-Projekten enge Grenzen. Viele Kantone betreiben eigene IT-Infrastrukturen und zögern, personenbezogene Daten an zentrale KI-Dienste zu übergeben. Die Anforderungen des revidierten Datenschutzgesetzes (FADP) verlangen strikte Transparenz bei automatisierten Entscheidungen – ein Punkt, der vor allem bei generativen KI-Modellen schwer erfüllbar ist.
Das geplante E-Government-Gesetz soll ab 2026 einheitliche Standards für digitale Verwaltungsleistungen setzen. Ob es auch verbindliche Vorgaben für KI-Einsatz enthalten wird, ist derzeit Gegenstand der politischen Diskussion. Experten fordern klare Regelungen zu Haftung, Transparenz und Datenhoheit.
Souveräne Cloud-Infrastrukturen im Aufbau
Swisscom Public Sector baut unter swisscom.ch eine Souveräne Cloud für Behörden auf, die FADP-konform ist und KI-Workloads unterstützt. Die Plattform soll es Kantonen ermöglichen, eigene KI-Modelle zu trainieren, ohne Daten an internationale Cloud-Anbieter zu übergeben. Parallel dazu arbeitet das BIT an einer Zertifizierungsstrategie für KI-Dienste, die in der Bundesverwaltung eingesetzt werden dürfen.
Der Fokus liegt auf Open-Source-Modellen, die lokal betrieben werden können. Kommerzielle Lösungen von US-Hyperscalern stoßen auf Vorbehalte, insbesondere wenn personenbezogene Daten verarbeitet werden. Die Schweiz orientiert sich dabei am EU AI Act, plant aber keine vollständige Übernahme der Regulierung.
Pilotprojekte zeigen praktische Einsatzfelder
Konkrete Anwendungsfälle konzentrieren sich auf interne Prozesse: KI-gestützte Textzusammenfassungen für Verwaltungsmitarbeiter, automatisierte Klassifikation von Eingaben und vorausschauende Wartung in der Infrastrukturverwaltung. Der Kanton Zürich testet KI-Tools zur Analyse von Verkehrsdaten, um Staus und Emissionen zu reduzieren. Der Kanton Genf setzt auf maschinelles Lernen bei der Betrugserkennung in Sozialbehörden.
Eine zentrale Herausforderung bleibt die fehlende Standardisierung. Jeder Kanton entwickelt eigene Lösungen, was Synergien verhindert und Kosten erhöht. Das Programm Digitale Verwaltung Schweiz (DVS) soll ab 2026 gemeinsame Projekte fördern und KI-Kompetenzen bündeln.
Ausblick: Föderale Koordination statt zentraler Steuerung
Die Schweiz wird KI im öffentlichen Sektor schrittweise einführen – ohne zentrales Mandat, aber mit klaren Governance-Regeln. Die föderale Struktur bleibt Stärke und Hemmnis zugleich. Während andere europäische Staaten auf nationale KI-Plattformen setzen, setzt die Schweiz auf Interoperabilität und lokale Kontrolle. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Modell skalierbar ist.
