Der Schweizer Markt für KI im Public Sector zeigt ein deutlich anderes Profil als Deutschland oder Österreich: Während die Nachbarn bereits konkrete Pilotprojekte in Betrieb nehmen, dominiert in der Schweiz eine Infrastruktur-getriebene Strategie. Anbieter wie Abraxas Informatik und Swisscom Public Sector bereiten Plattformen für Verwaltungscloud-basierte KI-Services vor, doch der regulatorische Rahmen bleibt fragmentiert.

Fehlende nationale KI-Strategie bremst Echtbetrieb

Anders als Deutschland mit seinem KI-Aktionsplan oder Österreich mit der BRZ-Infrastruktur verfügt die Schweiz über keine zentrale Koordinationsinstanz für KI-Einsatz in Behörden. Das Programm «Digitale Verwaltung Schweiz» (DVS) fördert zwar grundsätzlich digitale Prozesse, gibt aber keine konkreten Leitplanken für algorithmische Entscheidungsunterstützung vor. Kantone und Gemeinden agieren weitgehend autonom – mit der Folge, dass Projekte oft in der Evaluierungsphase stecken bleiben.

Ein Vergleich mit Deutschland und Österreich zeigt: Während dort bereits KI-gestützte Aktenanalyse oder automatisierte Vorgangsbearbeitung im Testbetrieb laufen, bleibt die Schweiz in der Infrastruktur-Vorbereitung. Abraxas bietet zwar Verwaltungsautomatisierung an, konzentriert sich aber primär auf RPA-Szenarien ohne maschinelles Lernen.

Cloud-Infrastruktur als Flaschenhals

Ein zentrales Problem ist die Frage souveräner Infrastruktur. Die Schweiz hat keine eigene Verwaltungscloud nach Art der deutschen Bundes-IT oder des österreichischen BRZ. Swisscom Public Sector bietet zwar DSGVO-konforme Hosting-Dienste an, eine dedizierte souveräne Cloud für KI-Workloads fehlt jedoch. Kantone müssen selbst entscheiden, ob sie Hyperscaler-Angebote (AWS, Microsoft Azure) nutzen oder lokale Rechenzentren vorziehen – eine Entscheidung, die oft Jahre dauert.

Die fehlende Interoperabilität zwischen kantonalen Systemen verschärft das Problem. Während Deutschland mit der FITKO eine föderale Koordination aufgebaut hat, fehlt in der Schweiz ein vergleichbares Gremium mit operativer Durchsetzungskraft. Das DVS-Programm bleibt eine Förderstruktur ohne technische Standardisierungsmacht.

Regulatorische Lücke verzögert Beschaffung

Der EU AI Act gilt für die Schweiz nicht direkt, doch viele Kantone orientieren sich dennoch an dessen Risikoklassifizierung. Ohne eigene nationale Gesetzgebung entsteht jedoch eine Grauzone: Welche KI-Systeme dürfen Verwaltungen beschaffen, wenn keine klare Kategorisierung vorliegt? Die Folge ist eine abwartende Haltung bei größeren Beschaffungen. Projekte konzentrieren sich auf risikoarme Anwendungen wie Chatbots für Bürgeranfragen – während automatisierte Fallbearbeitung oder KI-gestützte Entscheidungsvorschläge gemieden werden.

Auch die Frage der Haftung bleibt ungeklärt: Wer haftet, wenn eine KI-basierte Empfehlung zu einer fehlerhaften Verwaltungsentscheidung führt? Ohne gesetzliche Klarheit scheuen Behörden den Einsatz in sensiblen Bereichen wie Sozialleistungen oder Baugenehmigungen.

Marktstruktur: Wenige spezialisierte Anbieter

Im Vergleich zu Deutschland, wo Anbieter wie Materna oder Governikus KI-Lösungen für Verwaltungen entwickeln, ist der Schweizer Markt deutlich konzentrierter. Abraxas dominiert mit Standardsoftware für Gemeinden, Swisscom liefert Infrastruktur – spezialisierte KI-Dienstleister für den Public Sector fehlen weitgehend. Internationale Anbieter wie Microsoft oder AWS bieten zwar generische Cloud-KI-Services an, doch deren Anpassung an Schweizer Verwaltungsabläufe erfordert Integrationsprojekte, die oft an fehlenden Budgets scheitern.

Ausblick: Bewegung erst ab 2027 erwartet

Experten rechnen erst ab 2027 mit einer spürbaren Dynamisierung. Voraussetzung ist eine klarere regulatorische Position – entweder durch Übernahme von EU-Standards oder durch eine eigene Schweizer KI-Verordnung für den öffentlichen Sektor. Bis dahin bleibt der Markt in einer Phase der Infrastruktur-Konsolidierung: Plattformen werden vorbereitet, aber produktive KI-Systeme bleiben die Ausnahme. Für Anbieter bedeutet das: Investitionen in Schweizer Public-Sector-KI zahlen sich erst mittelfristig aus – wer jetzt einsteigt, muss mit langen Beschaffungszyklen rechnen.